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Tiefes Innovationswissen aus der Praxis vom verrocchio Institute

Inhaltsverzeichnis

Visualisierung: Warum wir unserer Intuition vertrauen sollten

Wurden Sie schon einmal nach dem Weg gefragt? Vermutlich ja. Und ist Ihnen dabei schon einmal aufgefallen, dass Sie den Weg dann automatisch mithilfe von Gesten erklären? Wir zeigen das Geradeaus mit der klassisch flachen Hand von uns weg, malen Kurven in die Luft, wenn man irgendwo links abbiegen muss, deuten ein Rechteck in der Luft an, wenn es ein auffälliges Schild gibt. Das machen wir ganz intuitiv, weil wir uns erhoffen, dass uns unser Gegenüber dadurch besser versteht. Wir nutzen also auf eine ganz natürliche Weise die Visualisierung.

Warum machen wir das im Alltag ganz selbstverständlich, scheuen uns im Beruf aber davor? Dabei gibt es im beruflichen Alltag doch oft so viel komplexere Dinge, über die wir uns verständigen. So oft wird hitzig diskutiert und man ärgert sich darüber, wenn man sich vom Gegenüber nicht richtig verstanden fühlt. Vielleicht denken wir sogar, dass Aufmalen helfen könnte, trauen uns aber nicht, uns vor versammelter Mannschaft ans Flipchart zu stellen – zu tief sitzt die Angst, sich zu blamieren. Dabei ist das Visualisieren gerade in Innovationsvorhaben von so großer Bedeutung.

Der Weg ins Unbekannte

Ein Innovationsvorhaben ist nichts anderes als eine geplante Wanderung in unbekanntes Gelände. Es gibt die grobe Richtung, eine Idee vom Ziel und alle im Team haben eine eigene Vorstellung vom Weg dorthin. Die Kunst besteht darin, alle Ideen von möglichen Wegen sichtbar zu machen und so den Weg herauszuarbeiten, der das Ziel am besten trifft. Was würde passieren, wenn wir uns einfach nur gegenseitig unsere Wegideen beschreiben würden? Spätestens nach der dritten Kurve könnten wir die Gedanken nicht mehr nachvollziehen. Und das ist leider genau das, was in vielen Unternehmen immer noch passiert.

Es wird über mögliche Wege gesprochen, hier und da ein paar Zahlen in Excel-Sheets eingestreut oder eine möglichst wichtig aussehende, mit Daten überladene PowerPoint gezeigt, in der Hoffnung, dass nur genug gutaussehende Zahlen das Team und am Ende den Vorgesetzten von der eigenen Idee überzeugen.

Solch eine zahlenbasierte Diskussion hält zwei Fallen bereit:

  1. Ein klares Verständnis der Idee stellt sich nicht oder nur sehr schwer ein. Es gibt viele Verständnisfragen, die zu unnötig langen Diskussionen führen, und am Ende gibt es immer noch Personen, die es nicht verstanden haben, sich aber nicht mehr trauen, noch etwas zu sagen.
  2. Man vertraut der Person, die sich selbst am besten präsentiert. Auch wenn das eine sehr natürliche Reaktion ist (schließlich wirkt eine gute Präsentation absolut vertrauenserweckend), ist eine mit hübschen Zahlen ausgeschmückte Idee nicht zwangsläufig auch die beste Idee für das Innovationsvorhaben.

Die Visualisierung als Diskussions- und Entscheidungsgrundlage

Was also tun? Unser natürliches Bedürfnis nach Veranschaulichung aktiv nutzen – und zwar ganz konsequent. Und ich meine hier nicht, die bereits genannte PowerPoint einfach mit Bildern aufzuhübschen. Eine fertige PowerPoint ist kein Visualisieren!

In über 20 Jahren Innovationserfahrung haben wir bei verrocchio bereits sehr oft erlebt, wie sich Diskussionen und Dynamiken im Raum sofort verändern, wenn aktive Visualisierung ins Spiel kommt. Wenn das Team beginnt, die eigenen Gedanken mit simplen Visualisierungen live zu untermauern, wird plötzlich anhand von etwas Konkretem, etwas Greifbarem diskutiert, was die Effizienz enorm steigert. Etwas Visuelles beflügelt unser Vorstellungsvermögen und mit einem Mal denken wir in ganz anderen Dimensionen. Und genau diese Dynamik macht ein erfolgreiches Innovationsteam aus. Aus diesem Grund ist die Visualisierung bereits seit vielen Jahren fester Bestandteil unserer Trainings. Ich selbst bin so sehr von diesem Effekt überzeugt, dass ich sogar ein eigenes Buch darüber geschrieben habe (wer tiefer einsteigen möchte: Es heißt „Visuelles Innovieren – das Playbook für Innovatoren“).

Visualisierung ist keine künstlerische Herausforderung

Wenn Visualisierung einen so großen Unterschied im Denken und Handeln macht, warum nutzen wir sie dann so wenig im Business? Weil wir alle mit einem tief verankerten Glaubenssatz herumlaufen: „Ich kann nicht malen.“ Die oben bereits erwähnte Angst, sich ans Flipchart zu stellen? Das ist der Glaubenssatz in Aktion. Dieser Satz ist so unfassbar hartnäckig, dass ich mir schon oft gewünscht habe, ihn physisch aus den Menschen herausschütteln zu können. Sobald wir einen Stift in der Hand halten, läuft in unserem Inneren eine Assoziationskette ab: Stift – Malen – Kunst – muss gut aussehen – Druck. Wenn wir dann auch noch eine Kollegin sehen, die voller Leichtigkeit ein halbes Kunstwerk aufs Whiteboard zaubert, drücken wir uns leicht errötet noch tiefer in unseren Stuhl.

Und diese Reaktion ist so schade! Wer einmal selbst erlebt hat, was schon simpelste Visualisierungen bewirken, dem fällt der Griff zum Stift viel leichter, und die Angst vor dem weißen Blatt verliert sich. Denn Visualisieren heißt nicht, künstlerisch wertvolle Flipchart-Papiere abzuliefern, sondern mit einfachsten Strichen Gedankengänge und Ideen visuell so zu unterstützen, dass sie für alle im Raum greifbar werden. Visualisierung ist eine Verlängerung der eigenen Sprache, mit eigener Handschrift, aber ohne jeden künstlerischen Anspruch.

Wann sich der Griff zum Stift im Innovationsprozess besonders lohnt

In einer idealen Welt würden wir den gesamten Innovationsprozess komplett visuell begleiten. Da ich aber weiß, dass dies nicht für alle realistisch umzusetzen ist, möchte ich dazu aufrufen, in der Minimalausführung die Anfänge des Vorhabens visuell zu stützen – und hier wirklich konsequent, von der Voridee bis zur Anreicherung. Vorideen sind allererste grobe Gedanken, die wir zu Beginn sammeln. Indem wir sie konsequent visuell darstellen, lassen sie sich wunderbar strukturieren, sodass die anderen folgen und sie mit ihren eigenen Vorideen kombinieren können.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, ein Hersteller von Akkuschraubern möchte sein Kernprodukt weiterentwickeln. Statt die ersten Ideen nur in die Runde zu rufen, bringt jede Person ihre Vorideen auf Papier: ein knapper Titel, eine Mini-Skizze und ein Satz zur Erklärung. Ein Smartphone mit Blitz steht für „Der Schrauber meldet per App, wann der Akku schwächelt“, ein Puzzleteil für „Austauschbare Module statt Neukauf“, ein Kalender mit Schraubenschlüssel für „Werkzeug im Abo für Handwerksbetriebe, inklusive Wartung“. Alle Karten kommen an die Wand, und innerhalb weniger Minuten sieht das Team auf einen Blick, wo sich Ideen ähneln, wo sie sich ergänzen und wo noch Lücken sind. Und dann wird es spannend: Jemand zieht einen Pfeil von der App zum Abo: Wenn das Gerät selbst meldet, dass es gewartet werden muss, wird aus zwei Vorideen ein ganz neues Serviceversprechen. Mit Klebepunkten können die Ideen dann gefiltert werden, mit einem andersfarbigen Stift werden Ergänzungen direkt dazugezeichnet. Das Ergebnis ist kein Kunstwerk, sondern ein gemeinsames Verständnis der Sache.

Visualisierung: Warum wir unserer Intuition vertrauen sollten
Die simple Visualisierung von Vorideen führt schnell zu weiteren guten Gedanken

Die konsequente, gemeinsame und aktive Visualisierung als Stütze der Teamarbeit spart gerade in den Anfängen viel Zeit und lässt die Wahrscheinlichkeit, direkt die passende Richtung einzuschlagen, enorm steigen.

Mehr Mut zum Stift: Innovieren auf dem nächsten Level

Meine Erfahrung zeigt: Die Angst vor dem weißen Blatt und der tiefsitzende Glaubenssatz des „Nicht-Malen-Könnens“ versperren uns den Weg zu großem Potenzial. Ich verspreche Ihnen: Jedes erfolgreiche Innovationsteam dieser Welt arbeitet visuell. Es ist ein unglaublich einfaches und doch unglaublich wirksames Mittel. Nutzen Sie das!

Also: Achten Sie im nächsten Meeting mal darauf, wann jemand anfängt, mit den Händen zu erklären. Das ist genau der Moment, in dem es sich lohnt, zum Stift zu greifen. Probieren Sie es mal, Sie werden überrascht sein!

geschrieben vonChristina Westing